Zwischen Schiffsbrücke und Showbühne

Im Interview mit Kreuzfahrtdirektorin Anke Rüsch

Ob Gästebetreuung, Ausflugsorganisation oder Eventplanung – als Kreuzfahrtdirektorin hat Anke Rüsch so einiges zu tun. Im Interview gibt sie uns einen spannenden Einblick in ihren Berufsalltag.

Anke Rüsch

Anke Rüsch

Eigentlich wollte Anke Rüsch Lehrerin werden, nun betreut sie statt einer Schulklasse gleich bis zu 400 kleine und große Gäste als Kreuzfahrtdirektorin der MS HAMBURG. Ein echter Fulltimejob, der die 61-jährige Cuxhavenerin jeden Tag vor neue Herausforderungen stellt. Im Interview gibt sie uns einen spannenden Einblick in ihren vielseitigen Berufsalltag an Bord des Plantours-Flaggschiffs und verrät, was den familiären Kreuzer so besonders macht.

Dreamlines: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Anke Rüsch: Es war kein Kindheitstraum, zur See zu fahren, obwohl ich an der Küste geboren bin. Ursprünglich habe ich Russisch und Französisch auf Lehramt studiert, mit dieser Kombination aber keine Anstellung bekommen. Da ich während des Studiums schon häufig in der UDSSR war, habe ich mich bei verschiedenen Spezialveranstaltern beworben und 1984 ein knappes Jahr als Standortreiseleitung in Leningrad verbracht. Später habe ich Rundreisen durch die Sowjetunion und durch andere Teile der Welt begleitet. 1988 kam ich dann auf die russischen Flüsse und somit auch zu Plantours & Partner, wie das Unternehmen damals hieß. Zwei Jahre später fuhr ich zum ersten Mal auf der MS VISTAMAR und wurde dort Kreuzfahrtdirektorin, bevor es mich 2012 auf die schöne MS HAMBURG verschlug. Als „CD“, also „Cruise Director“ arbeite ich hier seit einem Jahr.

Dreamlines: Was reizt Sie besonders an der Kreuzfahrtbranche?

Anke Rüsch: Natürlich, dass man in der Welt herumkommt! Auch wenn der Job kein Urlaub ist und die Arbeitstage oft anstrengend sind, ist es insgesamt ein Beruf mit sehr viel Abwechslung und jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Der tägliche Blick in die glücklichen Gesichter der Gäste ist für da für mich pure Motivation.

MS Hamburg Pool

Pooldeck

Dreamlines: Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Anke Rüsch: Mein Tag beginnt in der Regel mit einem Kaffee und einem Gespräch mit dem Kapitän auf der Brücke, gefolgt vom Morgenwecker, einer musikalischen Wecksendung für die Gäste. Feste Arbeitszeiten habe ich eigentlich nicht, je nach Liegezeit bin ich mal um 05:30 Uhr, spätestens aber um halb neun auf den Beinen.

Zu Beginn der Reise muss der Cruiseplan, in dem alle Veranstaltungen aufgeführt sind, vervollständigt werden. Dazu mache ich Meetings mit den Lektoren und Künstlern an Bord. Zusätzlich treffe ich mich täglich mit den Kollegen, um das Programm für den Folgetag zu organisieren, den vergangenen Tag zu rekapitulieren und halte mich auf dem Laufenden, was im Ausflugsbüro los ist. Hier besprechen wir zum Beispiel den Einsatz von Shuttlebussen oder die Sitzplatzvergabe für Charterflüge, wie die Ausflüge verlaufen sind usw. Die Abwicklung der Ausflüge steht für mich an Tagen mit Landgang natürlich an erster Stelle: Ich führe die Aufrufe durch, wenn das Schiff freigegeben ist, verabschiede die Gäste an der Gangway und begrüße sie bei der Rückkehr. Wichtig ist hier vor allem, den Fahrplan im Auge zu behalten: Passen die Liegezeiten wirklich zu den geplanten Ausflügen, gibt es wetterbedingte Veränderungen, wo wird der Liegeplatz sein? In Fahrtgebieten wie dem Amazonas oder der Antarktis sind alle Schiffsabläufe absolut witterungsabhängig. Hin und wieder habe ich auch die Möglichkeit, die schönen Häfen selbst zu erkunden und an Land Kraft zu tanken oder nach neuen Tipps für unsere Kunden Ausschau zu halten.

An Seetagen dreht sich alles um das Programm an Bord. Oft haben wir Lektorate, bei denen ich gerne vorbei schaue, wenn es die Zeit zulässt. Manchmal vereinbaren Gäste Termine mit mir – meistens, wenn sie etwas auf dem Herzen haben. Zu Beginn der Reise geht es oft um Wünsche bezüglich der Kabine oder andere Fragen rund um den Ablauf an Bord, später ergeben sich aber auch ganz andere Gesprächsthemen, zum Beispiel über die Ausflüge oder andere Kreuzfahrten. Oft interessieren sich die Passagiere auch dafür, wie lange ich an Bord bin und seit wann ich den Beruf ausübe. Viele Gäste sind bereits zum wiederholten Male hier – mit unserer „HAMBURG“-Familie habe ich mittlerweile einen ganz vertrauten Umgang. Nach dem Abendessen moderiere ich dann manchmal noch die abendlichen Shows, wobei ich sie mir natürlich lieber selbst entspannt anschaue. Danach komme ich dazu, den Tag ungestört Revue passieren zu lassen, meinen täglichen Bericht zu verfassen, die Vorgänge zu ordnen und mit ein bisschen Abstand auf die Ereignisse des Tages zu schauen.

Dreamlines: Als oberster Reiseleiter an Bord sind Sie Organisator und Ansprechpartner zugleich. Wie schaffen Sie es, alles unter einen Hut zu bekommen?

Anke Rüsch: Das geht schon, nur nicht immer alles zur gleichen Zeit. Früher konnte ich wie Napoleon viele Sachen gleichzeitig machen. Heute führe ich gern ein Gespräch, eine Mail, einen Gedankengang zu Ende. Zwischen meinen bis zu vier Monate langen Aufenthalten an Bord genieße ich die freie Zeit zu Hause auf Balkonien, um nach dem Urlaub wieder voller Elan starten zu können.

Dreamlines: An welchen Orten und Regionen waren Sie bereits mit der MS HAMBURG?

Anke Rüsch: Mit unserem Plantours-Vorgängerschiff, der MS VISTAMAR, habe ich viele Gebiete der Welt bereist, darunter Europa, Südamerika, die Antarktis, Afrika, den Indischen Ozean und Asien. Mit der HAMBURG war ich im letzten Herbst zum ersten Mal auf den Großen Seen in Kanada und Amerika und in New York, das ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Mein persönlicher Favorit sind aber die Perlen der Ostsee und das Schwarze Meer.

Dreamlines: Mit einer Kapazität von 400 Passagieren ist die MS HAMBURG eines der kleineren Kreuzfahrtschiffe. Welche Vor- und Nachteile hat das Ihrer Meinung nach im Vergleich zu den großen Ozeanriesen?

Anke Rüsch: Natürlich haben die großen Schiffe mehr Möglichkeiten, bei uns kann man nicht am Schornstein klettern und auch keine Broadway-Shows sehen. Dafür kann man aber das Meeresrauschen und die Wellen hören! Wir sind ein familiäres Schiff, auf dem der Gast als Person wahrgenommen wird, was bei 3.000 Passagieren sicher schwer zu realisieren ist. Heute zum Beispiel waren wir auf St. Lucia zusammen mit zwei Ozeanriesen, die über 5.000 Menschen an Land gelassen haben: Es gab keine Wassertaxen mehr, an der Touristeninformation gingen die Inselpläne aus, die Strände waren überfüllt. Morgen sind wir auf Marie Galante, einer kleinen Insel, die zu Guadeloupe und damit zu Frankreich gehört. Da booten wir mit unseren gut 300 Passagieren aus und haben eine idyllische Insel für uns. Das ist der Unterschied! Oder wir fahren die Gäste mit unseren Zodiacs gleich an einen Strand. Wir sind den Amazonas bis nach Iquitos gefahren – ein Hochseeschiff fast 4000 km auf einem Fluss. Das muss uns erst mal jemand nachmachen!

MS Hamburg vor New York

MS Hamburg vor New York

Dreamlines: Welchen Tipp können Sie Gästen der MS HAMBURG für ihren Aufenthalt an Bord geben?

Anke Rüsch: Viel Neugier, neue Länder und Ziele zu entdecken. Die Gäste sollten vorher wissen, dass es bei uns noch um Land und Leute geht. Wasserrutschen und Shoppingmalls suchen Sie an Bord der HAMBURG vergebens. Stattdessen punktet unserer HAMBURG mit ruhigem Bordprogramm und Vorträgen unserer Lektoren. Wir kombinieren die Annehmlichkeit des fahrenden Hotels mit der tollen Möglichkeit, viele Länder und Kulturen auf außergewöhnlichen Routen kennenzulernen. Der persönliche Kontakt mit den Gästen und den Einheimischen der zu bereisenden Ziele steht bei uns im Vordergrund.

Dreamlines: Wie denken Sie wird sich die Kreuzfahrtbranche in den nächsten Jahren entwickeln?

Anke Rüsch: Ich denke, der Trend zu dieser komfortablen Art des Reisens wird sich fortsetzen, vielleicht sogar noch verstärken. Die Prognosen der Branche und die vielen Neubauten untermauern das. Im Gegensatz zu den großen Megalinern setzen wir auf ausgewählte Routen, Individualität und persönlichen Service mit mehr als 25 Jahren Erfahrung. Ich bin überzeugt, und das bestätigen mir auch immer wieder unsere Gäste, dass ein vergleichbar kleines Schiff wie unsere HAMBURG mit nur 400 Betten am Markt eine Chance hat, auch wenn die Reisen ihren Preis haben. Qualität, gepaart mit individuellen Routen auf einem klassischen Kreuzfahrtschiff, wie sie die HAMBURG bietet, setzt sich durch; dafür werden wir weiterhin unser Bestes geben – wir hier an Bord und an Land die Kollegen in Bremen.

Vielen Dank für Ihr Interview!

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