Das Seefahrer-Gen

Im Gespräch mit Flusskapitän Frank Baehring

Spontane Hochzeiten, folgenschwere Verständigungsprobleme und eine Frau fürs Leben – an Bord der Frederic Chopin hat Frank Baehring schon so Einiges erlebt! Ein spannender Einblick in den Alltag eines Flusskapitäns.

„Wo sind wir gerade?“, „Wie sind Sie Kapitän geworden?“, „Sind Sie verheiratet?“ – Den neugierigen Fragen seiner Gäste Rede und Antwort zu stehen, ist nur eine von vielen Facetten des Berufsalltags von Frank Baehring. Der 50-jährige Hesse ist seit 2004 als Kapitän der Frederic Chopin auf den Flüssen und Kanälen Deutschlands und seiner Nachbarländer unterwegs. Ein anderer Beruf? Undenkbar! Schon als Kind träumte Baehring davon, die Weltmeere zu befahren, doch nun halten ihn die kleineren Gewässer in Bann. Im Interview verrät uns der stolze Familienvater, warum die Frederic Chopin für ihn ein ganz besonderes Kreuzfahrtschiff ist.

Frederic Chopin

Frederic Chopin

Dreamlines: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Frank Baehring: Mit 16 Jahren begann ich eine Ausbildung zum Matrosen der Binnenschifffahrt in Schönebeck. In der damaligen DDR gab es nur eine Reederei: Die VEB-Binnenreederei. Leider war es mir damals nicht vergönnt, die Weltmeere zu befahren. Meine Kollegen hatten wohl ihre Gründe, auch den Rhein lernte ich erst nach der Wende kennen. Nach mehreren Jahren in der Praxis erwarb ich 1986 das Elbepatent und war als Steuermann auf mehreren Schiffstypen in der Frachtschifffahrt tätig. Ein Jahr später dann bekam ich das Vertrauen der Binnenreederei, übernahm das Stromschubschiff 2521 und war fortan auf den Flüssen und Kanälen der ehemaligen DDR als Erster Schiffführer unterwegs.

Zum Erwerb des Rheinpatents wechselte ich in die Tankschifffahrt. Um genügend Rheinerfahrung zu sammeln, arbeitete ich auf der MS Konstanze Beckmann, die zwischen Basel und Rotterdam verkehrte und erwarb 2003 das Patent auf dem Schulschiff Rhein in Duisburg. Von einem Freund bekam ich dann den Tipp, die Reederei Peter Deilmann suche Kapitäne und bin seitdem in der Fahrgastschifffahrt als Kapitän der Frederic Chopin tätig! Nach dem Verkauf des Schiffes an nicko tours ereilte mich das Angebot der Firma Fleetpro, die ehemaligen Deilmann-Schiffe zu betreuen. Als Corporate Kapitän bin ich sozusagen das Bindeglied zwischen Büro und Schiff und betreue neben der Frederic Chopin auch die MS Königstein, die Johannes Brahms und die Katharina von Bora.

Dreamlines: Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf?

Frank Baehring: Die Freiheit und das Abenteuer, unterwegs zu sein auf den schönsten Flüssen und Kanälen Europas! Die sächsische Schweiz zum Beispiel beeindruckt im Herbst durch ein unglaubliches Farbenspiel, eingebettet in eine Sandsteinwelt. Unsere Reisen sind besser als jeder Geschichtsunterricht! 2004 befuhren wir als erstes Kreuzfahrtschiff die Weichsel und ein Großteil der Gäste besuchte dort noch einmal seine alte Heimat. Mein großer Wunsch ist es, irgendwann mal über die Donau bis zum Schwarzen Meer und über den Douro in Portugal zu fahren.

Ganz der Papa: Schiffernachwuchs Hannah

Ganz der Papa: Schiffernachwuchs Hannah

Dreamlines: Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag aus?

Frank Baehring: Nehmen wir einen Samstag: Unsere Gäste reisen an, das Schiff glänzt von innen und außen, der leidige Papierkram ist erledigt und die Einschiffung beginnt gegen 15 Uhr. Ich bin vor Ort und begrüße die Gäste, um 18 Uhr folgt dann die offizielle Begrüßung und Vorstellung der Crew mit anschließender Sicherheitseinweisung. Gegen 19 Uhr findet das Kapitänsdinner statt, ab 22 Uhr bin ich dann am Ruder. Der nächste Tag beginnt mit einer Besprechung mit der nautischen Besatzung, gefolgt von einem Treffen mit Reiseleiter und Hotelmanager. Außerdem mache ich zweimal täglich einen Rundgang durch das gesamte Schiff, checke die streckenspezifischen Gegebenheiten und zeige Präsenz beim Ausstieg der Gäste zu Exkursionen. Den größten Teil nimmt natürlich der Fahrdienst ein, den ich mir mit dem zweiten Kapitän teile. Für mich ist es wichtig, ein Kapitän zum Anfassen zu sein und den Gästen ein Gefühl der Sicherheit zu geben!

Dreamlines: Mit einer Kapazität von 80 Passagieren ist die Frederic Chopin ein recht kleines Kreuzfahrtschiff. Welche Vorteile hat das Ihrer Meinung nach im Vergleich zu größeren Flussschiffen?

Frank Baehring: Ein großer Vorteil ist sicherlich das familiäre und gemütliche Ambiente. Die Gäste lernen sich untereinander kennen und es ist nicht so anonym wie auf einem großen Schiff. Die Reisen gehen so deutlich ruhiger vonstatten und die 24-köpfige Crew hat viel Zeit für ihre Gäste. Auf der Frederic Chopin herrscht ein ganz besonderes Flair und eine Eleganz, die besonders die ältere Generation mit Sinn für stilvolle Riesen begeistert!

Ehepaar Baehring

Ehepaar Baehring

Dreamlines: Was war das Außergewöhnlichste, was Ihnen jemals bei einer Reise passiert ist?

Frank Baehring: Unsere damalige Hotelmanagerin Conny und unser Maschinist Dirk gingen eines Morgens nach der Ankunft in Wittenberg Lutherstadt in eleganter Kleidung von Bord. Drei Stunden später kehrten Sie ohne große Worte und mit gleichem Nachnamen zurück – Die beiden hatten mal eben so nebenbei geheiratet! Ein weiteres außergewöhnliches Erlebnis war 2004, als wir auf der Weichsel unterwegs waren. Den Fluss hatte bis dahin noch niemand befahren und mit unserem polnischen Lotsen konnten wir uns nur mit Mimik und Gestik verständigen. Erschwerend kam hinzu, dass die Fahrrinne nicht richtig gekennzeichnet war und so kam es wie es kommen musste – wir saßen fest! Fünf Stunden auf einer hohen, trockenen Sandbank! Geistesgegenwärtig servierte unsere Hotelmanagerin erstmal einen Cocktail mit dem Namen „Sandbank“ und sorgte damit für tosenden Applaus bei den Gästen. Die Nautik hatte alle Hände voll zu tun, ließ Beiboote zu Wasser und suchte nach neuen Fahrrinnen. Freigekommen sind wir dann aber durch Eigenkraft! Die Weichsel war ein Pilot-Projekt und ein großer Traum der Reederei – Wir haben es versucht!

Dreamlines: Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben?

Frank Baehring: Meine Frau habe ich auf der MS Frederic Chopin kennen gelernt, sie arbeitete dort als Hotelmanagerin. Auch den Heiratsantrag habe ich ihr auf dem Schiff gemacht, natürlich ganz traditionell mit Kniefall und Ring vor versammelter Crew. Es war ihr letzter Arbeitstag vor dem Schwangerschaftsurlaub, zwei Monate später erblickte dann unsere Tochter Hannah das Licht der Welt. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Für uns ist die Frederic Chopin mehr als nur irgendein Kreuzfahrtschiff – nämlich „unser Schiff“!

Vielen Dank für Ihr Interview!



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