Künstliche Insel als Schutzwall

Venedig verbannt Ozeanriesen aus der Innenstadt

„Venis Cruise 2.0“ heißt das Projekt italienischer Ingenieure, das die Einfahrt von Kreuzfahrtschiffen in die Lagunenstadt bald komplett verbieten soll.

Venedig plant die Errichtung eines neuen Terminals, um Kreuzfahrtschiffe zukünftig von der italienischen Lagunenstadt fernzuhalten. Bereits im August hatten Politiker ein Einfahr-Verbot für die mehr als 96.000 Tonnen schweren schwimmenden Hotels beschlossen, den Giudecca-Kanal dürfen ab 2015 indes nur noch maximal 40.000-Tonner passieren. Den Plänen italienischer Ingenieure zufolge, soll nun der gesamte Kreuzfahrt-Verkehr vor die Tore der Stadt ausgelagert werden.

Rund 128 Millionen Euro werden für den Bau der künstlichen Insel veranschlagt, die den großen Passagierschiffen bald als Anlegestelle dienen soll. Mit 940 Metern Länge und einer Breite von 34 Metern würde der neue Terminal Platz für bis zu fünf Kreuzfahrtschiffe bieten. Anstatt an Markusplatz und Dogenpalast vorbei in die Innenstadt einzufahren, würden die Luxusliner dann außerhalb der Lagune, in der Nähe des Dammsystems MOSE, vor Anker gehen. Von dort aus sollen kleinere Schnellboote mit einer Kapazität von bis zu 800 Passagieren die Kreuzfahrttouristen in die Stadt bringen. Etwa eine Stunde würde die Überfahrt zur Lagune dauern. Renato Bodi, Sprecher des zuständigen Ingenieurbüros Duferco, hält diese Form der Umsetzung des Venedig-Verbots für die sinnvollste: „Es würde die großen Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune von Venedig verbannen und es den Passagieren trotzdem erlauben, die wundervolle Ankunft zu Wasser zu erleben.“

Die Entscheidung der Regierung über die Pläne wird innerhalb der nächsten zwei Monate erwartet, den Projektverantwortlichen zufolge haben jedoch bereits viele venezianische Politiker ihre Unterstützung signalisiert. Bei Zustimmung könnte schon bald mit dem Bau begonnen werden, der Schätzungen zufolge zwei Jahre andauern würde.

Etwa 1700 Ozeanriesen steuern Venedig jährlich an und machen die Kreuzfahrtindustrie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Lagunenstadt. Die mehr als zwei Millionen Kreuzfahrttouristen bringen über 430 Millionen Euro ein und sichern etwa 5.000 Arbeitsplätze. Seit Warnungen von Forschern, dass der starke Wellenschlag der Ozeanriesen zu einem Absinken des Stadt-Bodens führe, fordern nun jedoch viele Venezianer eine Umleitung der Kreuzfahrtgiganten. Das Projekt „Venise Cruise 2.0“ wäre aus touristischer Sicht somit ein zweischneidiges Schwert. Groß ist die Gefahr, die für die Stadt äußerst lukrative Kreuzfahrtbranche zu vergraulen. So hofft die etwa 150 Kilometer entfernte Großstadt Triest, Ausweichhafen zu werden und investiert derzeit 132 Millionen Euro in den Ausbau der Terminalanlagen. Auch seitens der Regierung gibt es alternative Ideen zur Entlastung Venedigs: Das Kabinett von Ministerpräsident Matteo Renzi plant die Erweiterung des Kanals Contorta-Sant‘ Angelo, sodass Kreuzfahrtschiffe zukünftig den Passagierhafen am westlichen Rand von Venedig erreichen können.

Beitrag teilen


Einen Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *