Interview mit einem Kapitän

Im Gespräch mit Kapitän Gerald Faas

Dreamlines ging für sechs Tage mit 1AVista auf Reisen von Köln über Holland und Belgien und hat Kapitän Gerald Fass über die Schulter geschaut. Ein Interview.

Kapitän meets Dreamlines

Kapitän meets Dreamlines

Vor der Bellriva liegt eine Schleuse. Sie ist eng. Sehr eng. Passt das Schiff da überhaupt durch? Kapitän Gerald Faas steuert jedenfalls schnurstracks darauf zu! Einige der Gäste werden unruhig. Nein, das kann nicht gut gehen! Und schwups, auf einmal sind wir mitten drin. Wow, das war Zentimeter-Arbeit. Der Kapitän kennt sein Schiff. Ein paar Minuten später gleiten wir auch schon entspannt weiter auf dem Fluss entlang. Die richtige Zeit für ein Gespräch mit dem Navigationskünstler.

Dreamlines: Kann jeder Kapitän solche Maßarbeit wie Sie hinlegen?

Gerald Faas: Erfahrung spielt dabei schon eine große Rolle. Aber der Unterschied, der immer gerne genannt wird: Ein Fluss-Kapitän kann sicherlich sofort auf ein Hochseeschiff gehen und fahren. Das liegt daran, dass wir Fluss-Kapitäne alles selbst machen. Ein Seekapitän müsste erst alles lernen, zum Beispiel wie man mit einem 11,75 Meter breiten Fluss-Schiff durch eine 12 Meter Schleuse durchkommt oder an einem kleinen Hafen anlegt. Auf der Hochsee hat der Kapitän eine andere Art von Position. Er bekommt nicht nur Hilfe von seinem ersten und zweiten Steuermann, sondern wird auch bei Hafeneinfahrten von Lotsen unterstützt. Und je nachdem wie groß das Schiff ist, gibt es zusätzlich auch noch kleine Boote zum Rangieren. Das System ist aber dasselbe.

Dreamlines: Wie kamen Sie zu ihrem Beruf?

Gerald Faas: Zufall! Meine Eltern besaßen ein Hotel an der Mosel und ich hatte eigentlich Koch und Restaurantfachmann gelernt. Dort wurde ich auf einen Stammgast aufmerksam, der alle zwei Wochen alleine bei uns war. Irgendwann fragte ich ihn, wieso er so häufig bei uns sei. Er antwortete, dass er mit einem Frachtschiff hier sei und bot mir an mal mitzufahren. Das habe ich mir nicht zwei Mal sagen lassen, nahm spontan eine Woche frei und begleitete ihn von Koblenz nach Rotterdam und zurück. Bei meiner Rückkehr erklärte ich begeistert meiner Mutter, dass sie ohne mich weiterarbeiten müsse. Und eh ich mich versah, habe ich nochmal neu angefangen. Nach meiner Ausbildung war ich zehn Jahre lang selbstständig, habe 2000 verkauft, und kurze Zeit später rief mich ein Kollege an, ob ich ihm bei einer Fahrt mit einem Kabinenschiff aushelfen könne. Ich sprang spontan ein. Im Oktober übe ich nun meinen Beruf genau 30 Jahre aus!

Schleusendurchfahrt

Schleusendurchfahrt

Dreamlines: Welchen Beruf würden Sie ausüben, wenn Sie nicht Kapitän geworden wären?

Gerald Faas: Da wüsste ich keinen (Anmerkung der Redaktion: Es kam wie aus der Pistole geschossen!). Der Job verbindet einfach alles: ständige Abwechslung, Herausforderungen und Bestätigung jeden Tag. Mag vielleicht blöd klingen, aber jede Schleusendurchfahrt ist ein Erfolg, jede stürmische Fahrt, jede Reise die endet. Es ist noch einer der wenigen Berufe, der dir zeigt ob du alles richtig gemacht hast.

Dreamlines: Welche Routen fahren Sie?

Gerald Faas: Die Bellriva fährt bis nach Basel, Mosel, Main bis Frankfurt, Holland Belgien, alle Schelde-Gebiete und wir haben als eines der wenigen Schiffe die Genehmigung für die Nordsee. Wir fahren bis zur Insel Texel raus, Nordsee und Wattenmeer. Ich fahre auch viele andere Schiffe, aber ich bin sehr oft auf der Bellriva, weil das einfach mein Baby ist seit acht Jahren. Ich finde es eines der schönsten Schiffe auf dem Rhein. Es ist noch ein „richtiges“ Schiff und kein viereckiger Kasten. Ich habe schon einige Neubauten gefahren unter anderem ein topmodernes 5-Sterne-Plus-Schiff, aber für mich hatte es einfach keine Ausstrahlung oder Wohlfühlfaktor. Hier auf dieser „alten Kiste“ fühle ich mich wohl!

Dreamlines: Wie lange sind Sie normalerweise unterwegs?

Gerald Faas: Ich bin meist sechs Wochen auf Kreuzfahrt und habe danach in der Regel zwei Wochen frei. In der Hochseebranche sind die Kollegen meist einen Monat unterwegs und haben danach einen Monat frei soweit ich weiß. Das liegt natürlich daran, dass die Schiffe oft auch weitere Strecken zurücklegen. Es gibt hin und wieder Steuermänner oder Maschinisten, die wechseln, weil diese nicht mehr so gerne monatelang von Hause weg sein möchten. Die Freizeitregelung kann dabei eben sehr schwierig sein. In der Flussschifffahrt kommt man einfach regelmäßiger nach Hause. Das hängt aber natürlich auch von der Reederei ab.

Entlang eindrucksvoller Landschaften

Entlang eindrucksvoller Landschaften

Dreamlines: Wie sieht eine gewöhnliche Arbeitswoche aus?

Gerald Faas: Das ist stark unterschiedlich. Kommt logischerweise auf die Fahrtzeit des Schiffes und die Kollegen an. Hin und wieder muss der Kapitän alle Fahrten selbst fahren plus Meetings an Bord mit der Head of Departements, Gästebegrüßung und Verabschiedung. Natürlich gibt es auch mal neue Kollegen, die ich einarbeite, wie ich es auch auf dieser Flussfahrt gerade mache.

Dreamlines: Man hört ja immer wieder, dass die Schifffahrtsbranche dringend Personal sucht. Wie sehen Sie das?

Gerald Faas: Es mangelt sehr an guter Nachwuchsausbildung. Vielleicht übertreibe ich hier auch etwas. Es gibt nur noch wenige Reedereien, die es sich leisten können. So werben die Reedereien unheimlich viel untereinander ab in dem Gewerbe. Die Beständigkeit ist auch einfach nicht mehr so wie früher. Vor etwa 10 Jahren sind wir mit etwa 30 Kabinenschiffen gefahren, jetzt sind es 230. Wenn man davon ausgeht, dass ein Schiff durchschnittlich mit 20 Mann besetzt ist… – wo sollen die herkommen? Dadurch herrscht ein absoluter Personalmangel. So rekrutieren wir schon viel Personal aus Österreich und Holland, Slowakei und Ungarn und auch Bulgarien und Rumänien. Natürlich gibt es dann hin und wieder Sprachprobleme. Aber bei uns gibt es den Grundsatz: „Etwas nicht zu wissen ist nicht schlimm, aber nicht Lernen wollen ist viel schlimmer“. So geben wir gerne jungen Leuten eine Chance und Zeit. Wenn du sehr gut in deinem Job bist, kannst du auch Sprachbarrieren überbrücken. Ich selbst spreche Englisch und natürlich Holländisch, durch die vielen Belgien und Holland Reisen. Zudem habe ich mir ein paar Worte slowakisch durch die Besatzung angeeignet. So kann ich der Crew einen Guten Morgen wünschen und fragen, wie es Ihnen geht.

Sonnendeck am Abend

Sonnendeck am Abend

Dreamlines: Was war das Lustigste, was Ihnen jemals bei einer Reise passiert ist?

Gerald Faas: Ein Matrose hat mal mitten in der Nacht beschlossen nach Hause zu gehen, packte seinen Koffer und sprang bei voller Fahrt mit seinem Koffer von Bord. Wir wissen bis heute nicht, wieso er so plötzlich von Bord wollte. Ein anderes Schiff hat ihn dann rausgefischt.

Dreamlines: Wie hat sich ihrer Meinung nach die Kreuzfahrt in den letzten Jahren verändert?

Gerald Faas: Die Sicherheit in der Kreuzfahrtbranche entwickelt sich jedes Jahr weiter und die Handhabung an Bord wird von Jahr zu Jahr verbessert, was auch in meinen Augen absolut sinnvoll und vernünftig ist. Zum Thema Passagier: Der Markt bestimmt den Preis auf sehr vielen Schiffen. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, muss man günstiger sein oder mehr Häfen anfahren und Ausflüge anbieten. Der Gast will sehen, wo der Unterschied liegt.

Dreamlines: Äußert sich das auch bei den Schiffen?

Gerald Faas: Ja, auch die Schiffe passen sich den Bedürfnissen der Passagiere immer mehr an. So war ein Schiff wie die Bellriva, die schon vor 40 Jahren gebaut wurde noch ganz anders. Dort galt das Motto: “Man möchte Flussfahren“. Es gab einen großen Salon, Restaurant und Sonnendeck um Fluss und Landschaft gemeinsam zu genießen. Die Kabinen durften klein sein, denn dort schlief man nur. Die Bellriva war damals das erste Schiff auf dem Rhein mit Klimaanlage – das war eine Sensation! Die heutige Sichtweise ist eine andere. Neubauten werden nun von innen nach außen gebaut, also geht man zunächst von einer Kabine aus und gestaltet außen rum das Schiff. Jeder Gast muss eben für sich entscheiden, was er lieber mag. Auf der Bellriva sind mit guten 60% sehr viele Stammgäste. Einige bekamen schon Blumensträuße überreicht für den teilweise 20. bis 30. Besuch auf unserer alten Dame. Ein größeres Kompliment der Gäste kann man doch auch nicht bekommen! Bei uns herrscht schon ein ganz herzliches und bekanntes Verhältnis. Die Gäste wissen, dass es auf der Bellriva vielleicht keine riesigen Kabinen gibt, aber die Stimmung nicht besser sein könnte – und das macht dieses Schiff aus!

Bellriva in Amsterdam

Bellriva in Amsterdam

Dreamlines: Zum Abschluss: Wie verbringen Sie denn gerne Ihren Urlaub?

Gerald Faas: Im Grunde mache ich durch meinen Beruf schon sehr viel Urlaub. Und das zum Leidwesen meiner Frau. Ich bin ja das ganze Jahr unterwegs und dann froh zu Hause zu sein. Natürlich ist da meine Frau anders, weil sie praktisch zu Hause sitzt und wartet bis ich nach Hause komme und wir endlich mal verreisen. Das ist dann ganz schwer unter einen Hut zu bringen. Früher begleitete mich meine Frau immer als ich noch Frachtschiffe fuhr. Bei Kabinenschiffen ist sie eher selten dabei, da sie bei meinen Arbeitszeiten bzw. dem nachts fahren dann tagsüber doch alleine wäre. Natürlich fahren wir aber auch in den Urlaub. Die letzten Jahre waren wir campen in Kroatien: Einfach nur Sonne, Strand und Wasser, kein Handy, kein Laptop und einfach mal nicht erreichbar sein.

Dreamlines: Wir bedanken uns sehr für das Interview und wünschen ein tolles 30. Jubiläum im Oktober!

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